Infobüro für Unternehmen Aachen

Sind KMU beratungsresistent?

Ergebnisse der Studie „Ist der Mittelstand beratungsresistent?“ des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn

Vor dem Hintergrund des wachsenden Wettbewerbsdrucks, der steigenden Komplexität unternehmerischer Prozessketten sowie der Implementierung von Informations- und Kommunikationstechnologien in den betrieblichen Alltag hat der Bedarf an externem Expertenwissen und fachlichen Unterstützungsleistungen in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Zirkulation von Wissen und die Hinzuziehung externer Kompetenzen gelten inzwischen als wichtige Produktionsfaktoren, die aus dem Alltag vieler großer Unternehmen kaum mehr wegzudenken sind. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) hingegen gelten als eine Gruppe von Unternehmen, denen traditionell eine hohe „Beratungsresistenz“ nachgesagt wird. Die Ursachen für die in vielen Medienartikeln behauptete Nichtinanspruchnahme von Beratungsleistungen werden häufig in der geringen Kapitalausstattung, Zweifeln an der praktischen Anwendbarkeit externen Wissens oder der als ausreichend betrachteten eigenen Expertise gesehen.

Eine empirische Erhebung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn – basierend auf einer Stichprobe von 315 KMU – kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass durchschnittlich bereits fast 44 Prozent aller Unternehmen Beratungsleistungen in Anspruch genommen haben. Mehr als 70 Prozent der beratenen KMU erhoffen sich hiervon vor allem eine schnellere Produktrealisierung. An zweiter Stelle der Motive, externe Beratungsleistungen einzukaufen, steht mit 43 Prozent die mangelnde Verfügbarkeit eigener Mitar­beiter. An dritter bzw. vierter Stelle folgen der Wunsch nach einer neutralen Expertise (39 Prozent) bzw. fehlende eigene Fachkenntnisse (30 Prozent).

In Bezug auf den Beratungsbedarf stehen, laut der Studie von Dr. Sigrun Brink aus dem Jahr 2010, insbesondere die Organisations- und Prozessberatung mit dem Fokus auf operative Aspekte im Mittelpunkt: Kostensenkung und Restrukturierung (60 Prozent), die Einführung neuer Technologien im Produktions- und IT-Bereich (45 Prozent), Personalentwicklung und -training (43 Prozent) sowie das Qualitätsmanagement (35 Prozent) bilden die wichtigsten Schwerpunkte der Berateraktivitäten. Strategische Bereiche wie z. B. die Entwicklung innovativer Produkte (20 Prozent), die Erschließung neuer Märkte (18 Prozent) oder der Zusammenschluss mit anderen Unternehmen (12 Prozent) sind hingegen deutlich weniger häufig Gegenstand von Beratungen, da sie im Kernbereich unter­nehmerischer Entscheidungen liegen.

Als nicht ohne Hürden gilt der Prozess der Auswahl von Beratern. Da die Beurteilung der fachlichen Fähigkeiten sowie der Seriosität von externen Experten für KMU ex ante i. d. R. mit großen Schwierigkeiten behaftet ist, kommt den Empfehlungen von Geschäftspartnern sowie anderen Unternehmen eine zentrale Bedeutung zu, wenn es um die Reduktion von Unsicherheiten geht. Empfehlungen der öffentlichen Hand sowie von Verbänden stoßen hier – den Ergebnissen der Analyse zufolge – auf eine vergleichsweise geringere Akzeptanz.

In Bezug auf die Bewertung der Beratungseffizienz externer Experten zeigen sich möglicherweise die größten Schwierigkeiten analytischer Aufhellung, da eine Erfolgsmessung zahlreiche Variablen aufweist, die allesamt starken Veränderungen unterliegen, wie z. B. die Art der Beratung, Umsatz und Gewinn, Marktanteil, Mitarbeiterzahl, Verschuldungsgrad etc. In der Erhebung wurde daher nach der Häufigkeit und den Bereichen der Umsetzung von Beratungsempfehlungen gefragt. Hier zeigt sich, dass Empfehlungen „oft“ insbesondere im Bereich der IT-Beratung (71 Prozent), der Organisations- und Prozessberatung (69 Prozent), der Human-Resources-Beratung (45 Prozent) sowie der Finanzberatung (41 Prozent) umgesetzt wurden.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass es für eine grundsätzliche Ablehnung oder Unempfänglichkeit im Sinne einer Beratungsresistenz als Ursache für die Nichtnutzung externer Beratung bei KMU keinerlei empirische Belege gibt.

 © Dr. Franz Büllingen, Begleitforschung Mittelstand-Digital

Publiziert am 04.06.2013